Ich heisse Oleksandr und stamme aus dem Dorf Raiske, nahe Druschkiwka, in der Oblast Donezk. Das Haus dort habe ich mit meinen eigenen Händen gebaut – Jahr für Jahr, Stein für Stein, ich habe alles hineingesteckt, was ich hatte. Die Nachbarn kannte ich beim Namen, jeden Morgen grüssten wir uns. Und im Hof lebte immer irgendjemand – Hühner, Katzen, Hunde. Ich habe sie nie einfach als „Tiere im Hof” betrachtet. Sie waren meine Familie, das kann ich ehrlich sagen.
Als der Krieg begann, konnte ich lange nicht glauben, dass er auch uns erreichen würde. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn irgendwo weit weg etwas Schreckliches passiert, man aber denkt, es werde einen selbst nicht treffen?
So habe ich die erste Zeit gelebt. Ich habe gearbeitet, mich durchgeschlagen, gehofft, dass es an uns vorbeigeht. Doch mit jedem Monat wurde es schwerer. Die Nachrichten – schlimmer. Und in mir setzte sich eine Angst fest, die mich weder tags noch nachts losließ. Angst um mich selbst, um meine Nächsten, um das Haus – den einzigen Ort, an dem ich das Gefühl hatte, alles im Griff zu haben. Irgendwann gewöhnte ich mich daran, von Geräuschen aufzuwachen, die ich mir früher nicht hätte vorstellen können. Es ist erschreckend, wenn man sich an so etwas gewöhnt.
Dann rückte die Front wirklich näher. Jede Woche kamen die Kämpfe näher an Raiske heran. Zuerst waren es ferne Donnerschläge, wie ein Gewitter am Horizont. Dann wurden die Beschüsse täglich. Und in diesem Moment wurde mir klar: Mein Haus war in Gefahr, und das Dorf, das ich mein ganzes Leben lang kannte, verwandelte sich vor meinen Augen in Ruinen.
Menschen starben. Häuser, die jahrzehntelang gestanden hatten, verschwanden innerhalb von Sekunden. Ich sah, wie die Nachbarn einer nach dem anderen ihre Koffer packten und wegfuhren – oft mit leichtem Gepäck, ihre Tiere zurücklassend, weil diese selbst nicht mitkommen konnten. Und ehrlich gesagt – ich konnte das nicht. Ich konnte sie einfach nicht zurücklassen.
Während um mich herum alles zusammenbrach, kamen von überall her jene zu mir, die keinen anderen Ort mehr hatten. Jeden Tag eine neue Katze. Manche kamen aus einem eingestürzten Zaun, manche aus dem Keller eines zerstörten Nachbarhauses – und blieben einfach bei mir. So kamen nach und nach 15 Katzen zusammen – jede bekam einen Namen, jede wurde mir vertraut. Ich nahm den Schäferhundder Nachbarn auf, der ganz allein zurückgeblieben war, als seine Besitzer wegzogen. Ich sammelte all meine Hühner ein – es waren nicht wenige – und liess keines zurück.
Auch mein eigenes Haus war zu diesem Zeitpunkt schon verwundet. Es gibt nur ein einziges Foto – darauf steht es noch, beschädigt, aber noch lebendig. Heute, fünf Monate später, ist nichts mehr davon übrig. Doch an dem Tag, als es Zeit war zu gehen, dachte ich nicht an die Mauern. Ich sah fünfzehn Augenpaare, die mich aus dem Auto und aus den Transportboxen ansahen. Ich wusste nicht, wohin wir fahren würden, wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber eines wusste ich genau: Ich lasse niemanden zurück.
Heute lebe ich in einem ruhigen Ort, in einem sichereren Teil der Ukraine. Meine Frau und ich haben eine kleine Wohnung gemietet – bescheiden, aber unsere eigene. Mit Arbeit ist es nicht einfach, aber ich nehme an, was sich bietet – im Moment helfe ich einem Auftraggeber beim Anlegen von Grundstücken. Er hat auch einen Hund, mit dem ich mich schnell angefreundet habe – inzwischen folgt er mir überall, als würde er in mir eine verwandte Seele spüren.
Es war und ist bis heute schwer. Aber ich habe es keinen einzigen Tag bereut, dass ich 15 Katzen, einen Schäferhund und all meine Hühner ins Auto gesetzt habe, anstatt etwas von meinen eigenen Sachen mitzunehmen. Und wissen Sie, was mich jeden Tag wirklich wärmt? Meine Tochter Anastasiia ist heute in der Schweiz und hat dank des Roten Kreuzes die Möglichkeit bekommen ein Praktikum zu machen. Und daran glaube ich fest: Wenn man 15 Katzen aus den Trümmern retten und ein neues Leben beginnen kann, dann kommt auch nach dem dunkelsten Winter mit Sicherheit der Frühling.