Was haben wiederverwendete Baumaterialien, ein ehemaliger Kindergarten und ein modulares Amphitheater gemeinsam? Sie erzählen von einer Ukraine, in der Wiederaufbau mehr bedeutet, als Gebäude zu erneuern. Es geht darum, Ressourcen neu zu denken, Gemeinschaft zu stärken und Zukunft zu gestalten.
Im Juli 2026 reisten Félix Dillman, Geschäftsleiter von RE-WIN, und Anna Dobrova, Vorstandsmitglied von CO-HATY/METALAB (UA) und RE-WIN, für elf Tage in die Ukraine. Ihre Mission: herausfinden, wie sich das bewährte Schweizer RE-WIN-Modell zur Wiederverwendung von Baumaterialien auf die ukrainischen Verhältnisse übertragen lässt. Die vom Swiss Network with Ukraine (SNU) finanzierte Feldstudie führte sie zu verschiedenen Wohn- und Werkstattprojekten in den Regionen Iwano-Frankiwsk und Kiew. Gemeinsam mit lokalen Partnern untersuchten sie Materialströme, besichtigten mögliche Standorte für Wiederverwertungshöfe und tauschten sich über Chancen und Herausforderungen eines ressourcenschonenden Wiederaufbaus aus. Denn Wiederverwertungshöfe sind mehr als Sammelstellen für gebrauchte Baumaterialien. Sie können wertvolle Ressourcen im Kreislauf halten, lokales Wissen fördern und neue Perspektiven für Gemeinden schaffen.
«Zirochka» – wo aus einem Kindergarten ein Zuhause wurde
Eine ihrer Stationen führte Félix und Anna nach Kalusch. Dort zeigt ein besonderes Projekt, wie bestehende Gebäude neues Leben erhalten können: Über zwanzig Jahre lang stand der ehemalige Kindergarten «Zirochka» – auf Deutsch «Sternchen» – leer. Heute bietet er Menschen, die durch den Krieg ihre Heimat verlassen mussten, ein neues Zuhause. In mehr als 18 Monaten gemeinsamer Arbeit verwandelten Habitat for Humanity, METALAB, CO-HATY und der Stadtrat von Kalusch das Gebäude in 48 moderne Wohnungen für bis zu 150 Binnenvertriebene. Auch RE-WIN hatte wiederverwendete Einrichtungselemente wie beispielsweise Teppichböden, Türen und Sanitärelementen zur Verfügung gestellt. Viele der neuen Bewohner sind Frauen und Kinder aus vom Krieg betroffenen Gemeinden.
Doch ein Zuhause besteht aus mehr als vier Wänden: Während des Besuchs fand unter der Leitung der Kharkiv School of Architecture ein Workshop mit den Bewohner:innen statt. Gemeinsam entwickelten sie Ideen für die Gestaltung ihrer neuen Umgebung. Eines der Projekte: ein modulares Amphitheater, das künftig als Treffpunkt für Jung und Alt dienen und das Zusammenleben der neuen Nachbarschaft stärken soll. Ein Ort zum Spielen, Reden, Verweilen und Begegnen. Ein kleiner, aber bedeutender Schritt, damit aus neuem Wohnraum auch ein Stück Heimat werden kann.
Wiederaufbau beginnt mit dem, was bereits da ist
Was «Zirochka» und die RE-WIN-Feldstudie verbindet, ist eine gemeinsame Überzeugung: Nicht alles muss neu geschaffen werden. Oft liegt ein Teil der Zukunft bereits im Bestehenden. Während «Zirochka» zeigt, wie ein leerstehendes Gebäude wieder zum Leben erwacht, untersucht RE-WIN, wie gebrauchte Baumaterialien künftig systematisch für neue Bauprojekte genutzt werden könnten. Die Erkenntnisse der elftägigen Reise sollen den Grundstein für lokale Pilotprojekte legen, die einen nachhaltigen, von den Gemeinden getragenen Wiederaufbau ermöglichen.
Denn nachhaltiger Wiederaufbau bedeutet nicht nur, Ressourcen zu schonen. Er bedeutet auch, Menschen einzubeziehen, Gemeinschaft zu fördern und gemeinsam neue Perspektiven zu schaffen.